KITESURFEN AUF DEN KERKENNA-INSELN

Faszinierende Sonnenuntergänge, spezielle Fischereitechniken und türkisfarbene Flachwasserlagunen - die tunesischen Kerkenna-Inseln bieten paradiesisches Flair, welches jedes Kitesurfer-Herz höher schlagen lässt. Ein wahrer Geheimtipp für diejenigen unter Euch, die direkt vom Bett auf`s Brett wollen!

Es ist Montag, 12:30 Uhr – die Autos knattern, hupen und rollen langsam auf die Fähre. Über vier Stunden Autofahrt liegen von Djerba nach Sfax hinter uns, dem Team von Oasis Kite. Unser Roadtrip Ziel – die von hier zwanzig  Kilometer entfernten Kerkennah Inseln, eine Inselgruppe vor der Ostküste Tunesiens im Golf von Gabes. Nur eine Stunde dauert die Überfahrt. Wir – Flo, Matti und Samy, genießen die Meeresbrise und 25 Grad warme Mittagssonne. Um uns herum kein einziger Tourist zu sehen, stattdessen viele Tunesier. Aus einigen Gesichtern können wir Müdigkeit, Hunger und Durst entnehmen. Aus ihren Augen spricht der Ramadan.

Fast alle Restaurants und Cafés bleiben bis zum Sonnenuntergang geschlossen. Ist die Sonne verschwunden, wird kräftig in den eigenen Häusern aufgetischt und das Nachtleben auf den Straßen beginnt. Besonders das Rauchen und Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit bleibt während dieser Zeit für die Tunesier ein absolutes Tabu. Der Fastenmonat ist einfach allgegenwärtig. Das gestaltet unsere Kitesurfing Kurzreise umso spannender!

Das Getümmel zwischen den geparkten Autos wird größer. An der Ausfahrtrampe sammelt sich eine wartende Menschentraube. Einige starten schon ungeduldig ihren Motor, als würde gleich der Startschuss für ein Wettrennen fallen. Nur noch wenige Minuten sind es bis die Fähre, die seit 1976 die Wasserverbindung herstellt, den Port de Sidi Youssef erreicht. Gespannt sitzen wir in unserem Auto. Was uns wohl erwartet? Flo startet den Motor und rollt langsam über die Fährenrampe. Den kleinen Hafen hinter uns gelassen sind wir nun auf dem Weg zum Hauptort Remla, wo wir mit unserem Airbnb Gastgeber Mounir Chaoui verabredet sind. 

Während der Fahrt dorthin erhalten wir einen ersten Eindruck der 15.000 Einwohner Inselgruppe, die sich aus 16 Gemeinden des Gouvernorats Sfax zusammensetzt. Etliche Palmen und kleine Häuser reihen sich entlang der schmalen, aber gut geteerten Straße. Ein Duft aus Ruhe und Idylle umschmiegt unsere Nasen. Unter der prallen Sonne leuchtet unser blaues Auto hervor und wir werden nicht selten von den Einheimischen freundlich gegrüßt. Dann verlassen wir das erste Inselgebiet Garbi und fahren über den  schon seit der Römerzeit existierenden Fahrdamm auf die östlich liegende Hauptinsel Sharki.   „Herzlich Willkommen auf Kerkennah Island“, begrüßt uns mit breitem Grinsen Mounir am Hauptkreisverkehr in Remla. Der 49-Jährige reicht uns seine Hand entgegen und zeigt uns direkt, welche Läden von 11:00 – 13:00 Uhr während Ramadan geöffnet haben. Dann fährt der aus Sfax stammende „Speedy Gonzales“ mit seinem Auto voraus. Etwa 20 Minuten später erreichen wir seine kleine Oase direkt am Strand. Diese Oase soll nun unsere für die nächsten drei Tage sein. Mounir erzählt uns, dass er als Künstler in einer kleinen Boutique und als aktives Pfadfinder Mitglied der Les Scouts Tunisiens in Sfax arbeitet. Um sich aber der Hektik der Industrie- und Hafenstadt zu entziehen, hat er sich hier ein kleines Häuschen im Paradies eingerichtet. So fährt er öfters mit seiner Familie auf Kerkennah Island, denn hier gibt es Ruhe, Natur und vor allem frischen Fisch aus dem Meer. „Außergewöhnlich! Köstlich! Den müssen wir unbedingt probieren!“, empfiehlt uns Mounir euphorisch auf Französisch.

Tatsächlich ist die Haupteinnahmequelle der Kerkennis die Fischerei, da 72% der Arbeitskräfte in diesem Sektor tätig sind. Mit zwei Dritteln der Fischereiflotte des Gouvernorats Sfax (2.000 Boote) liegt sie im regionalen Fischereiaufkommen an zweiter Stelle. Da die Gewässer mit 1 bis 2 Metern Tiefe extrem flach und die Fischereiressourcen begrenzt sind, wird hier auf spezielle Fischereitechniken zurückgegriffen. Wie diese Methodik funktioniert, sehen wir während unserer Kitespot Suche entlang der Küste. Überall finden wir in den Flachwasser-Abschnitten die sogenannten Charifas, eine Art festes Labyrinth, das aus Tausenden von Dattelpalmwedeln besteht. Dank der Strömung treibt es die Fische in Richtung Fangkammern. Das Managementsystem der Inselbewohner ist in den arabisch-muslimischen Meeren einzigartig: Die Inselfamilien besitzen Grundstücke, auf denen Charfia-Strukturen über Generationen hinweg weitergegeben werden. Traditionell wird die Charfia jedes Jahr neu aufgebaut und die Fische werden unter Berücksichtigung ihrer natürlichen Fortpflanzungszeiten gefangen, im Gegensatz zur modernen Charfia, bei der es sich um feste Strukturen handelt, die bis zu drei Jahre hintereinander im Meer verbleiben. Eine andere traditionelle Fangmethode sind Tontöpfe (Gargoulettes), die traditionell zur Aufbewahrung von Wasser oder Wein verwendet werden. Aber in Kerkennah werden sie im Meer, nicht weit vom Ufer entfernt, als Fallen für Tintenfische eingesetzt, die Zuflucht suchen und die Töpfe dann nicht mehr verlassen können. Unter den Fischern heißt es, dass in der Charifa gefangener Fisch schmackhafter ist, weil dieser ruhig und unverletzt wartet, bis er dem Meer entnommen wird. Eins können wir bestätigen: Köstlich war der Tintenfisch, den uns Mounir zubereitete. Leider haben es die Fischer immer schwieriger. Viele klagen, dass der Ertrag immer weniger wird. Mögliche Gründe hierfür sind illegale Trawler sowie die benachbarte Erdölindustrie, welche das Meer verschmutzt und die Fische sterben lässt.

Bei so vielen Fischereirevieren, bleibt da überhaupt noch Platz zum Kitesurfen? Ganz klar – Ja! Unsere erste Kostprobe eines spitzen Kitespots bekommen wir schon am ersten Morgen, um 8 Uhr direkt vor unserer Haustür. Nach dem Motto: „Vom Bett direkt auf`s Brett!“ Kristallklares Wasser, ein riesiges Stehrevier und konstanter  14 Knoten Wind – so kann man den Tag beginnen. Rasch schlüpfen wir in unsere Neoprenanzüge und pumpen voller Energie die  Kites auf. Dann heißt es für uns ab auf die Spielwiese! Knapp drei Stunden hält der Wind durch, bis er uns nur noch mit einer Brise zuflüstert: „Jetzt, gibt es Frühstück!“

Viel findet man über Kitesurfen auf den Kerkenna Inseln nicht. Wenn man auf Partys, Nachtleben und Beachbars steht, dann ist das mit Sicherheit nicht der richtige Ort für einen Kiteurlaub. Tourismus ist hier noch sehr bescheiden vorhanden. Die einzige Konzentration von Hotelunterkünften ist das kleine Touristengebiet von Sidi Fredj im Südwesten der Insel Garbi. 

Uns gefällt die Inselgruppe von Beginn an – erholsame Ruhe, köstliche Speisen und unberührte Kitespots. Wer danach sucht, ist hier genau richtig!

Erlaubte das Klima zur Römerzeit noch üppige Landwirtschaft, ist diese heute nur noch begrenzt möglich. Die Knappheit der Wasserressourcen, der Salzgehalt des Bodens und die Häufigkeit von Stürmen ermöglichen nur noch den Anbau von Trockenkulturen. Es gibt Getreide, hauptsächlich Gerste, Olivenbäume, Reben, Feigenbäume und Gartenpflanzen. Lokale Ressourcen wie Palmen werden für die Herstellung von Netzen, sowie zum Flechten von Seilen und Hüten genutzt. Diese Artikel werden oft in Heimarbeit produziert. Das durchschnittliche Monatsgehalt einer in Kerkennah lebenden Familie wird auf circa 300 Dinar geschätzt, das sind nicht einmal 100 Euro!

Wir stellen auch fest, dass die Salzgewinnung auf den Kerkenna Inseln eine tragende Rolle spielt. Über 40 Prozent der Inselfläche hat einen extrem salzhaltigen Boden. Die Salinen von  Sebkhet El-Abbassia sind relativ alt. Dort begann der Abbau schon Ende des 19. Jahrhunderts. In guten Jahren arbeiteten dort bis zu 300 Arbeiter pro Tag. Zwischenzeitlich wurde der Abbau verboten. Erst Anfang der 90er Jahre wurden die Salinen wieder aktiv genutzt. Die 1976 auf einer Fläche von ca. 84 ha angelegten Salzwiesen umfassen mittlerweile eine Fläche von mehr als 402 ha. Beeindruckt spazieren wir entlang der Salzbecken, in denen sich die letzten Sonnenstrahlen des Tages spiegeln.

Magische Sonnenuntergänge zum Verlieben – die gibt es hier in den verschiedensten Farbvariationen. Entweder ist der Himmel geschmückt mit lila leuchtenden Wolken oder er brennt gänzlich rot, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet.  Ein Augenblick, der zum Träumen anregt.

Wieder sitzen wir im Auto und halten Ausschau nach weiteren Kiterevieren.  Sowohl an der Süd-, als auch an der Nordküste der Kerkenna Inseln werden wir fündig. Meist liegt einer der geheimen Kitespots nur 20 Minuten Fahrt von unserer Unterkunft entfernt. Als krönenden Abschluss gönnen wir uns noch einmal eine Morgensession, an einem absoluten Traumspot. Weißer Sandstrand, eine einzigartige Palmenkulisse und keine Menschenseele – willkommen im Kiteparadies.

Drei Tage erkundeten wir die Kerkenna Inseln. Davon gab es jeden Tag ideale Windbedingungen mit 12 bis 20 Knoten. So können wir wärmstens einen kurzen Abstecher auf die Kerkenna Inseln empfehlen!

Es ist nicht auszuschließen, dass wir die Inselgruppe in Zukunft öfter für ausgiebige Kitetrips ansteuern. Bis dahin freuen wir uns aber euch in unserem Kitecamp auf Djerba begrüßen zu dürfen!

 

 

 

 

 

 

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